Historie

Ein altes Haus erzählt seine Geschichte von der Innschiffahrt zur Apotheke

In der Nähe des ehrwürdigen Mittertors am Ludwigsplatz steht das markante Apothekenhaus an der Ecke zur Kaiserstraße. Seine Mauern beherbergen seit 1742 die „Alte Riedersche Apotheke“. In seinem Kernbau ist es mindestens vierhundert Jahre alt und liegt im Inneren eines der wenigen Patrizierhäuser Rosenheims, das fast unverändert geblieben ist.

Im Gewölbeflur des ersten Stocks zeigt ein Fresko den Stammvater des Riedergeschlechts, den kurfürstlichen Hof- und Leibschiffmeister Johann Rieder (1633-1715), der ursprünglich aus Erl in Tirol stammte. Dort erinnert heute noch im Gasthaus „Blaue Quelle“ die Rinderstube an ihn. Sein Enkel Georg Rieder wurde ein angesehener Apotheker und übernahm Rosenheims erste und einzige Apotheke.
Mit Urenkel Prof. Dr. Hermann Rieder ging dann aus dieser Familie ein berühmter Röntgen-Forscher hervor. Im Jahre 1925 überließ Geheimrat Rieder den ehemaligen Apothekergarten, der Stadt Rosenheim als Stadtpark. Der Riedergarten bildet heute eine grüne Oase im Zentrum der Altstadt.

Jahrhunderte sind vergangen und noch immer durchzieht der Duft von Kräutern und Gewürzen die Gewölbe, gibt es den alten hölzernen Aufzug der einst den riesigen Kräuterspeicher versorgt hat. Manch überliefertes Rezept ist heute noch Grundlage bewährter Hausspezialitäten. Wer die Apotheke und das historische „Kräuterkammerl ®“ betritt, spürt noch immer etwas vom Geist dieser Zeit!

 

Pressemitteilung
Ein Kräuterparadies wie vor 200 Jahren

Historische Apothekenkräuter im Rosenheimer Riedergarten
Kräuterkammerl verschickt Kräuter und Gewürze in alle Welt

(Rosenheim im April 2012) Mitten in einer kleinen Stadtoase im oberbayerischen Rosenheim, zwischen wunderbar gestalteten Rosenbeeten, kann man seit knapp zwei Jahren wieder einen historischen Apothekenkräutergarten bewundern und erforschen. Neu gestaltet wurde er als Attraktion im Rahmen der bayerischen Landesgartenschau, die 2010 weit über eine Million Besucher in die 60 0000 Einwohnerstadt im Inntal lockte. So finden sich nun mitten in der historischen Altstadt Rosenheims, im Riedergarten unweit der Stadtkirche St. Nikolaus, Heilkräuter, die hier schon einmal vor mehr als 200 Jahren wuchsen. Denn, was selbst viele Rosenheimer nicht mehr wussten: Der heutige Riedergarten geht historisch auf den privaten Kräutergarten des Stadtapothekers und Pflanzensammlers Johann Rieder zurück, der dort schon 1729 begann, einen Teil seiner Kräuter für die „Alte Riedersche Apotheke“ zu ziehen.

Die Alte Riedersche Apotheke gibt es noch heute am Ludwigsplatz. Das dazugehörige „historische Kräuterkammerl“ gilt als absoluter Geheimtipp für alle Kräuterkundigen. Denn dort werden noch immer aus mehr als 400 Kräutern und Gewürzen Tees gemischt, ganz individuell für die jeweiligen Beschwerden und Geschmäcker. Dementsprechend begeistert waren der damals 80 jährige Besitzer Alfred Herterich, der die Alte Apotheke in den 60er Jahren von seinem Vater übernahm und sein Sohn Johannes von der Idee, die Tradition des Apothekergartens wieder aufleben zu lassen. So begeistert, dass sie sogar anboten die Kosten für alle Heilpflanzen zu übernehmen.

Historischer Apothekergarten als Herzstück einer Stadtoase
Der Apothekergarten wurde so zum neuen Herzstück des Riedergartens und zog viele Gartenschaubesucher an. Gemeinsam mit der Landschaftsarchitektin Ulla Eutermoser und dem Rosenheimer Kneipp-Verein wurde ein Pflanzkonzept entwickelt, das die Heilpflanzen nach Indikationen, also nach Krankheitsbildern, ordnet und präsentiert. Besucher des lauschigen Rosenheimer Stadtparks finden jetzt zehn verschiedene Beete, die jeweils viele verschiedene Heilkräuter enthalten. Zur Unterstützung bei Erkältungskrankheiten und für das Immunsystem. Gegen Magen-Darm-Beschwerden, bei Rheuma und Gelenkschmerzen. Zur Stärkung des Herz-Kreislaufsystems oder auch mit heilender Wirkung bei Hautproblemen und schwieriger Wundheilung. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Ein Pflanzkonzept nach traditioneller Kräuterheilkunde
Woran aber hat sich die Pflanzplanerin Ulla Eutermoser orientiert?: „Wir haben natürlich auf den reichen Erfahrungsschatz in der Kräuterheilkunde zurückgegriffen“, erklärt die Heilkräuterspezialistin aus Prutting, bei Rosenheim, „aber wir haben auch versucht ihn etwas zu aktualisieren. Deswegen wurden nur Heilpflanzen gepflanzt, die auch heute noch verwendet werden.“ Die Beete sind von duftendem Lavendel und Karthäuser-Nelken eingefasst und streng geometrisch geordnet. So sind die Kräuter für die einzelnen Krankheitsbilder auch deutlich voneinander abgegrenzt. Unzählige bekannte und weniger bekannte Heilkräuter, aber auch Gehölze sind zu entdecken - duftendes Kraut gegen jedes Zipperlein!

Artischocken als Heilpflanze für Galle und Leber, Brennnesseln bei Rheuma oder Schmerzen, Meerrettich bei Magenbeschwerden und die Zaubernuss zur Haut- und Wundbehandlung. „Uns ist wichtig, zu zeigen, dass man mit den richtigen Kräutern auch im täglichen Leben, mit der Ernährung viel für seine Gesundheit tun kann“, erklärt Ulla Eutermoser engagiert. Gemeinsam mit den Spendern des historischen Kräutergartens hofft sie, dass so auch das Interesse von Kindern und Jugendlichen an Heilpflanzen geweckt werden kann. „Es ist schön, dass der Apothekergarten auf so große Resonanz stößt“, freut sich Florian Bauer, der seit fast 30 Jahren als Apotheker in der Alten Apotheke arbeitet und ein großes Fachwissen im Bereich der Homöopathie und Naturheilkunde besitzt. Von April bis Oktober bietet er regelmäßig Kräuterführungen im Riedergarten an. Alle vier Veranstaltungen waren im Sommer 2011 ausgebucht.

Heute blühen und duften über Frühjahr und Sommer hinweg im Apothekergarten etwa 150 Kräuterpflanzen. Gemäß der Jahreszeit, verändert sich das Erscheinungsbild, wechseln die Farben, der Geruch nach Minze, Lavendel, Thymian . Denn alle Kräuter haben ihre ganz spezielle Zeit. „Ja, es ist sehr schön an die historische Tradition des ursprünglichen Apothekergartens anzuknüpfen, wenn auch in kleinerem, eher symbolischen Rahmen“, fügt Landschaftsarchitektin Ulla Eutermoser hinzu.

Tradition verpflichtet - auf den Spuren eines alten Apothekerhauses
Dass die Tradition des Riedergartens auch in der Alten Apotheke weiterlebt, weiß jeder, der schon einmal an einer Führung durch das 430 Jahre alte Apothekenhaus teilgenommen hat. Der Jahrhunderte alte Duft nach Kräutern zieht noch immer durch die Gewölbe und auf dem Speicher erinnert der historische Lastenaufzug im Innenhof des alten Patrizierhauses an die großen Mengen von Heilpflanzen, die damals hier in großen Bündeln zum Trocknen aufgezogen wurden. „Ja, es ist durchaus möglich, dass in unseren alten Holzfässern im historischen Kräuterspeicher noch Reste von Heilkräuter zu finden sind, die aus dem Riedergarten stammen. Kamille zum Beispiel“, bestätigt Sponsor Johannes Herterich, der selbst mit seiner Familie im oberen Stockwerke des historischen Apothekenhauses lebt.

Die Alte Apotheke gehört schon seit vielen Jahren zum festen Programm der historischen Stadtführungen, die von der Stadt Rosenheim regelmäßig angeboten werden. Und diese Zeitreise durch die jahrhundertealten Apothekenräume und das Kräuterkammerl mit seinen traditionellen Gefäßen, verlockenden Düften und alten Geschichten, ist unter Kräuterfans und Apothekenhistorikern fast schon Kult – und deshalb immer ausgebucht.

Jetzt auch „Online-Kräutern! – Kräuterkammerl.de geht mit der Zeit
Das Interesse an den individuellen Kräutermischungen aus dem historischen Rosenheimer „Kräuterkammerl“ war auch bei auswärtigen Besuchern schon immer groß, vermehrt kam es zu Bestellungen per Telefon. Besonders während der Landesgartenschau 2012 wurde oft gefragt, ob es denn möglich sei, sich diese Tees und Kräuter schicken zu lassen? Nach Berlin? Süd-Tirol? In die Schweiz? Und so entstand in der heutigen Geschäftsleitung der Alten Apotheke, bestehend aus Pächter Markus Baur und dem kaufmännischen Leiter Johannes Herterich, die Idee zu „kräuterkammerl.de“, einem Online-Versand. Kräuterfans aus ganz Deutschland und rein theoretisch aus aller Welt, können sich nun die traditionellen Rezepturen, ausgewählten Tees und Kräuter ohne Probleme einfach ins Haus liefern lassen.

400 Jahre Apotheken- und Kräutertradition ONLINE, also via Internetversand! Passt denn das zusammen? „Das passt auf jeden Fall“, betont Johannes Herterich, denn die Verbindung von Tradition und Moderne sei schon seinem Großvater wichtig gewesen. Nur so sei es möglich, die traditionelle Heilkunde mit ihren wertvollen Rezepturen auch ins Internetzeitalter zu retten. „Junge moderne Familien bestellen immer häufiger bequem von zuhause im Internet. Diesen Service wollen wir auch bieten – obwohl unsere Kunden dadurch leider die einzigartige Atmosphäre des realen „Kräuterkammerls“ verpassen,“ fügt er mir einem verschmitzten Lächeln hinzu. Aber auch da gäbe es Abhilfe.

Rosenheim, mit seiner historischen Altstadt, nahe an der A8 gelegen, genau in der Mitte von München und Salzburg und eine Stunde vor dem Brenner – ist absolut eine Reise wert. Und liegt sehr günstig für einen wunderschönen Zwischenstopp auf der Urlaubsfahrt norddeutscher Kräuterfans in den Süden. Dabei reicht der Ruf der Alten Apotheke sogar schon weiter: Für den August haben sich gerade 25 Japaner aus Rosenheims Partnerstadt Ichikawa bei Tokio angekündigt.

 

Erinnerungen der ersten weiblichen Apothekerin Rosenheims
Vor einigen Jahren fand der damals 80jährige Apothekenbesitzer Alfred Herterich in alten Apothekenunterlagen seines Vaters einen Brief von Hildegard Rhode, einer alten Dame. Sie war in den 1920er Jahren als Praktikantin in die Alte Apotheke gekommen und wurde später sogar zur ersten weiblichen Apotheker Rosenheims. An den Riedergarten und seine Heilpflanzen erinnert sie sich in ihrem Brief von ...... noch sehr lebendig: “An der Rathausstraße stand der kleine botanische Garten,  wo in früheren Zeiten die Familie Rieder selbst Pflanzen gezogen hatte, vorwiegend Pfefferminze. Die Pfefferminzplätzchen, die daraus gemacht wurden, auch „Minzzeltln“ genannt -  waren berühmt“, schreibt sie.

Ja, auch die Pfefferminze wächst jetzt wieder im Riedergarten. Und der Brief dieser Zeitzeugin macht deutlich, dass der Rosenheimer Apothekergarten sein historisches Vorbild auf liebevolle Weise wieder aufleben lässt. „Seit es das Alpinum in Rosenheim nicht mehr gibt, hat so etwas in Rosenheim gefehlt“, stellt Apotheker Florian Baur fest, der regelmäßig Führungen im Apothekergarten anbietet. Das Alpinum war 1930 der ganze Stolz Rosenheims. Nachdem der Apothekergarten 1925 in der Besitz der Stadt gelangt war, wurde dort nämlich neben einem botanischer Schulgarten auch ein „Alpinum“ angelegt. Es sollte wie ein natürliches Bild der Pflanzendecke des Voralpenlandes erscheinen. Mit alpinen Sträuchern und Pflanzen, auf einem steinernen Felsbau: „Im fertiggestellten Teil sind aus der näheren Umgebung aus unseren Vorbergen, wie Heuberg und Soien bereits (...) über 100 Arten gepflanzt, darunter manche , die den Kenner entzücken wird“, schwärmt 1932 ein Reporter der Rosenheimer Sonntagszeitung und vergisst nicht, den flammenden Mohn, die blühenden Linden und Almrosen zu beschreiben, „wie Blutstropfen auf grauem Fels.“ Heute hat das Alpinum mit dem Apothkergarten einen würdigen Nachfolger bekommen.

 

Skizze des Apothekergartens

Skizze Apothekergarten

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